Bindungstyp: Was dich vom Partner auf Augenhöhe trennt

von | Mai 11, 2021 | Allgemein | 8 Kommentare

Wie dein Bindungstyp dich von einer Partnerschaft auf Augenhöhe trennt

Ich traf Tanja auf Zoom in meiner Gratis-Beratung. „Ich gerate an Männer, die sexuelles Interesse an mir haben, aber sich nicht auf eine Partnerschaft mit mir einlassen wollen. Gerate ich an diesen Typ Mann, verselbständigt sich mein Verhalten“, erzählte sie mir. Als ich sie fragte, ob es Männer gäbe, die ernsthaftes Interesse an ihr haben, senkte sich ihr Blick. „Die will ich nicht“, sagte sie verschämt. Ein erster eindeutiger Hinweis auf ihren Bindungstyp. 

Meine Klientin Tanja ist kein Einzelfall. Viele Frauen kennen dieses Muster: „Die, die ich will, wollen mich nicht. Die, die mich wollen, will ich nicht.“ Sie fühlen sich emotional abhängig von unerreichbaren Männern. Gleichzeitig wünschen sie sich eine Partnerschaft auf Augenhöhe.

Wenn du verstehst, wie dieses Muster mit deinem Bindungstyp zusammenhängt, weißt du, was dich von einer Partnerschaft auf Augenhöhe trennt.

Lass uns deshalb einen Blick in die Bindungsforschung werfen. Sie hilft dir zu verstehen:

  • Wie sich ein Bindungstyp entwickelt
  • Warum du dich in Männer verliebst, die dich nicht wollen
  • Wie es kommt, dass du dich von ihnen emotional abhängig fühlst
  • Warum du die Männer wegstößt, die dich wollen
  • Wie du dir deinen Wunsch nach einer Partnerschaft auf Augenhöhe erfüllen kannst

 

Wie sich ein Bindungstyp entwickeln

Die Bindungsforschung der 1950er-Jahre belegt, dass jedes Kind sein Mutter-Kind-Bindungsmuster im späteren Leben auf andere Personen überträgt.

John Bowlby, Begründer der Bindungstheorie, erforschte gemeinsam mit der Psychologin Mary Ainsworth Verhaltensweisen einjähriger Kinder. Mit einer Videokamera nahmen sie auf wie…

  • Kinder reagieren, wenn die Mutter sie aus einem Raum verlässt,
  • wie sie reagieren, wenn sie wiederkommt,
  • und wie sie auf Fremde reagieren.

Sie gingen davon aus, dass…

  • das Kind unruhig ist, wenn die Mutter es verlässt,
  • es sich freut, wenn sie wiederkommt
  • und es sich von der Mutter beruhigen lässt.

Tatsächlich konnten sie drei verschiedene Verhaltensmuster bei den Kindern beobachten. Anhand dessen arbeiteten sie drei Bindungstypen heraus, die bis heute gültig sind:

  1. Sicherer Bindungstyp
  2. Unsicher-vermeidender Bindungstyp
  3. Unsicher-ambivalenter Bindungstyp

Zu einem späteren Zeitpunkt fügte die Psychologin Mary Main durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten ein vierter Bindungstyp hinzu:

4. Der desorientierte Bindungstyp

(vgl. Laurence Heller. Befreiung von Scham und Schuld. 2021: 80-86)

Wie sich der Bindungstyp eines Kindes äußert

Der Psychologe Prof. Dr. Franz Ruppert beschreibt in seinem Buch „Trauma, Bindung und Familienstellen“ das Verhalten der Kinder in den vier Bindungstypen so:

Kinder mit einer sicheren Bindung:

  • suchen die Nähe zur Mutter bei ihrem Weggehen und bei ihrer Wiederkehr
  • zeigen Kummer, wenn sie allein gelassen werden
  • lassen sich von fremden Personen nicht trösten
  • begrüßen die Mutter nach ihrer Rückkehr freudig
  • suchen innigen Körperkontakt und Trost
  • wehren sich gegen ein zu frühes Absetzen vom Arm der Mutter

Kinder mit einer unsicher-ambivalenten Bindung:

  • suchen Kontakt zur Mutter und wehren Kontaktversuche der Mutter ab
  • weinen heftig und sind wütend, wenn sie ohne Mutter mit Fremden sind und wenn die Mutter zurückkommt
  • können sich in ihrem Trennungsschmerz nicht entscheiden, ob sie zur Mutter hinwollen oder weg von ihr
  • sind von ihr enttäuscht, weil sie verlassen wurden
  • möchten sich vor neuen Enttäuschungen schützen
  • pendeln hin und her zwischen ihrer Enttäuschung und ihrem Wunsch nach Trost

Kinder mit einer unsicher-vermeidenden Bindung:

  • vermeiden bei der Rückkehr der Mutter auffallend deren Nähe
  • wehren Kontaktangebote durch Wegwenden und Blickabwenden ab
  • klammern sich beim Aufnehmen wenig an, widersetzen sich dem Absetzen nicht
  • zeigen wenig Kummer, eher Unmut über das Alleinsein
  • behandeln Mutter und Fremde fast gleich
  • ziehen sich zurück
  • erwarten von der Mutter nichts Positives mehr
  • verdrängen schmerzliche Gefühle
  • sind daher nicht mehr in Kontakt mit ihrer Angst, ihrer Wut und ihrem Kummer

Kinder mit desorientierter Bindung:

  • laufen bei Trennung und Wiedersehen zur Mutter. Auf halbem Weg bleiben sie stehen, drehen um und laufen von der Mutter wieder weg.
  • mitunter erstarren sie inmitten ihrer Bewegung oder frieren ein („freezing“)
  • zeigen stereotype Bewegungs- und Verhaltensmuster

(vgl. Ruppert 2012: 41-42)

 

Wie es zu diesen Verhaltensweisen kommt

Sicherer Bindungstyp

Ein sicher gebundenes Kind versteht seine Mutter als sicheren Hafen. Die Mutter ist feinfühlig genug, die Bedürfnisse des Kindes nach Nähe, Sicherheit und Geborgenheit zu erfüllen. Das Kind fühlt sich sicher, die Welt zu erkunden und weiß, dass die Mutter es im Blick hat. In dieser Atmosphäre groß geworden, begegnet der spätere Erwachsene seinen Liebespartnern mit der Überzeugung: „Ich vertraue dir, deshalb zeige ich mich dir.“

Unsicher-ambivalenter Bindungstyp

Die Mutter eines unsicher-ambivalent gebundenen Kindes verhält sich oft widersprüchlich. Beispielsweise nimmt sie das Kind fürsorglich auf den Arm, wenn es hingefallen ist. Im nächsten Moment schimpft sie, dass es besser aufpassen soll. Das Kind weiß nie, wo es dran ist bei der Mutter. Es sehnt sich nach ihrer Nähe und hat zugleich Angst, von ihr abgelehnt und verletzt zu werden. Auch sind die Mütter oft ängstlich-klammernd und lassen ihr Kind nicht frei die Welt erkunden. Wegen der vielen Widersprüchlichkeiten entwickelt das Kind oft eine unterdrückte Wut auf die Mutter, die es später auf Liebespartner überträgt. Es entwickelt die innere Überzeugung: „Ich vertraue dir nur kurz, und dann habe ich Angst, dass du mich verletzt, das macht mich wütend. Ich brauche dich und ich hasse dich.“

Unsicher-vermeidender Bindungstyp

Ein unsicher-vermeidend gebundenes Kind bekommt seine Bedürfnisse nach Nähe, Kontakt, Geborgenheit und Sicherheit von der Mutter nicht ausreichend erfüllt. Sie weist ihr Kind ab, ist desinteressiert und wertes es ab. Das Kind meidet deshalb den Kontakt zur Mutter. Wenn es bereits denken könnte, würde es schlussfolgern: “Es ist das Beste, allein zurechtzukommen, niemanden zu brauchen und mich nur noch auf mich selbst zu verlassen. Ich habe kein Recht auf meine Bedürfnisse. Bedürfnisse machen das Leben nur schwierig und kompliziert.“ Als Erwachsener begegnet es Liebespartnern mit der Überzeugung: „Ich vertraue dir nicht, deshalb zeige ich mich dir nicht.”

Desorientierter Bindungstyp

Kinder in desorganisierten Bindungen erleben ihre Mutter als unberechenbar. Sie erfahren nicht selten Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung. Oft sind die Mütter sehr bedürftig und benutzen ihr Kind für die Erfüllung ihrer eigenen emotionale Bedürfnisse. Auch eigene frühe Traumata beim Kind können zu diesem Bindungsstil führen. Als Erwachsener ist es von der Überzeugung beherrscht: „Ich vertraue nichts und niemandem und muss ständig auf der Hut sein.“

(vgl. L. Heller 2021: 78-88)

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Weitere Faktoren, die einen Bindungstyp beeinflussen

Der Umgang der Mutter mit dem Kind beeinflusst die Ausprägung des jeweiligen Bindungstyp am stärksten. Weitere Faktoren beeinflussen die Entwicklung eines bestimmten Bindungsstils, wie beispielsweise:

  • Der Umgang der Eltern miteinander
  • Der Einfluss des Vaters, der Geschwister und anderen Bezugspersonen
  • Das Umfeld, in dem das Kind heranwächst
  • Die Verfassung der Mutter während und nach der Schwangerschaft
  • Medizinische Eingriffe, die Mutter oder Kind bei oder nach der Geburt erleben
  • Und weitere

(vgl. Poole Heller. Tief verbunden. 2020: 211)

 

Warum du dich in Männer verliebst, die dich nicht wollen

Die Bindung zur Mutter wirkt sich am stärksten auf unser Leben und somit auf die Wahl des Partners aus. Wir sind für unser physisches und emotionales Überleben komplett von jemand anderem abhängig. Deshalb entwickeln wir einen starken Impuls, uns an unsere Mutter zu binden. Wenn unsere Bedürfnisse nach einer sicheren Bindung nicht erfüllt werden, passen wir uns dem an. Aus dieser Anpassung entsteht unser Bindungstyp.

Mit dem Bindungstyp – vermeidend, ambivalent oder desorientiert – suchen wir als Erwachsene einen anderen Menschen. Dieser passt wie ein Puzzleteil in unser Muster. Er wird zum Ersatz für die nicht gelungene Mutterbindung. Wir suchen in ihm die Beziehung zur Mutter und hoffen, dass die frühkindliche Erfahrung einen besseren Ausgang nimmt. Wir sehnen uns nach einer sicheren Bindung durch die Mutter. Das geschieht unbewusst, heißt, wir bekommen das nicht mit.

 

Abbildung, adaptiert, von Friedemann Schulz von Thun. Miteinander reden. Band 2. 117

Der andere verkörpert das, was dir zu fehlen scheint. Deshalb verliebst du dich in Männer, die emotional nicht zugänglich sind – sie passen zu deinem Bindungstyp. Sie befinden sich auf gleicher emotionaler Ebene wie du. Das heißt, sie mussten sich ebenfalls frühkindlich an das unnatürliche Bindungsangebot der Mutter anpassen. Sie aktiveren mit ihrem Verhalten dein Bindungssystem. Das löst bei dir starke Gefühle aus, die du mit Liebe verwechselst.

 

Wie dein Bindungstyp dazu führt, dass du dich emotional abhängig fühlst

Am Anfang ist die Anziehung oft leidenschaftlich intensiv. Du findest den Mann großartig und er scheint die Eigenschaften mitzubringen, die du dir wünschst. Auf der bewussten Ebene wünschst du dir vielleicht einen Mann, der unabhängig, selbstbewusst und stark ist. Einen Mann, an den du dich anlehnen kannst. Unbewusst bist du auf der Suche nach der sicheren Bindung durch die Mutter.

Mit inneren Überzeugungen wie

  • Ich bin nicht gut genug
  • Mit mir stimmt was nicht
  • Ich bin nichts wert
  • Ich bin nicht wichtig

und ohne Gefühl des eigenen Wertes begegnest du dem scheinbar großartigen Mann. Du hoffst, dass du durch ihn erfährst, was du als Kind so sehr entbehren musstest: dich behütet, versorgt und sicher zu fühlen.

Am Anfang schmeichelt das den Mann, dass du ihn toll findest. In meiner Liebesaffären Zeit war es beispielsweise so, dass die Männer zu Beginn von mir begeistert waren. Ich gab mich unabhängig und selbstbewusst. Das tun viele Frauen mit unsicher-ambivalentem Bindungstyp. Und wir fühlen uns zu Beginn tatsächlich auch so. Das finden unsicher-vermeidende Männer sehr attraktiv. Denn so brauchen sie keine Angst haben, dass die Frau sie vereinnahmt.

Als ich erkannte, der Mann will mich nicht, kam die bedürftig-abhängige Seite in mir zum Vorschein. Das spürt der andere. Statt voneinander fasziniert zu sein, aktivieren jetzt beide das Bindungssystem des anderen.

Abbildung, adaptiert, von Friedemann Schulz von Thun. Miteinander reden. Band 2. 106

Ein Teufelskreis entsteht

Beginnst du zu klammern stößt er dich weg. Stößt er dich weg, beginnst du zu klammern. Und so beginnt ein Teufelskreis aus Nähe und Distanz, den ich in meinem Blogbeitrag „Nähe Distanz Beziehungen“ ausführlich beschreibe.

Männer mit unsicher-vermeidendem Bindungstyp können sich nicht gut abgrenzen. Das können Menschen, die sicher gebunden sind. Denn sie haben gelernt, dass die Mutter sowohl im Nahkontakt als auch beim Erkunden der Welt ihnen Sicherheit gibt. Ein Mann mit unsicher-vermeidender Bindung kennt diese Erfahrung nicht. Wenn du ihm nah sein willst und dir wünschst, dass er deine Bedürfnisse befriedigt, hält er dich auf Abstand. So funktioniert sein Bindungssystem.

Nun wiederholt sich für dich, was du aus der frühkindlichen Bindung von deiner Mutter kennst: dich abgelehnt zu fühlen. Sämtliche in der Bindung an die Mutter frustrierten Gefühle, Ängste, Verzweiflung und Wut agierst du daraufhin an ihm aus. Das ist der Moment, wo du beginnst, dich emotional abhängig zu fühlen.

Bleibt ihr in Kontakt, entstehen unangenehme Verstrickungen, die dich emotional herausfordern. Beendet ihr den Kontakt, suchen sich beide einen neuen Partner, der ins Muster passt. Wiederholungszwang nennt die Psychoanalyse dieses Verhalten. Das tust du solange, bis du verstehst, dass du bei der Partnerwahl auf der Suche nach der guten Mutter bist. Du sehnst dich nach der sicheren Bindung, die die Natur für dich vorsiehst. Du suchst sie da, wo es vertraut für dich ist – bei Männern, die dich nicht wollen. Da findest du sie nicht, denn es ist der falsche Ort. Solange du nicht verstehst, was die Bindungsanpassung bei dir auslöst, kannst du nicht wissen, wo du suchen musst. So ziehst du weiter Männer an, mit denen du deine emotionalen Bedürfnisse nicht erfüllen kannst. Männer, deren Bindungsanpassung zu deiner passt. Mit ihnen wiederholst du das frühkindliche Drama.

 

Warum du die Männer wegstößt, die dich wollen

Menschen, die mit sicherer Bindung aufwuchsen,

  • lernten von ihrer feinfühligen Mutter, sich zu regulieren, wenn sie in Aufruhr waren.
  • fühlen sich ihren Gedanken und Gefühlen nicht ausgeliefert.
  • fällt es leicht, sich auf andere zu beziehen.
  • fühlen sich mit sich und anderen verbunden.
  • gestalten Beziehungen wohltuend.
  • fühlen sich unterstützt und geliebt.
  • erholen sich schnell von Verunsicherung oder Ärger.
  • vertrauen sich selbst und anderen.
  • fällt es leicht, um Hilfe zu bitten.
  • bieten anderen gerne ihre Unterstützung an.
  • fühlen sich mit sich allein und in der Gemeinschaft wohl.

Sie begegnen den Herausforderungen des Lebens zuversichtlich und optimistisch. Wenn eine Liebesbeziehung ins Wanken gerät, sind sie widerstandsfähig genug, um damit umzugehen. Sie suchen die Nähe zu Menschen, die sicher gebunden sind. Und sie lassen sich auf Partner ein, deren Vertrauen durch ihre Bindungsanpassung erschütterte. Kurz: Ihre Mutter lehrte sie die Beziehungssprache der Liebe.

(vgl. Poole Heller 2020: 45-55)

Abbildung, adaptiert, von Friedemann Schulz von Thun. Miteinander reden. Band 2. 106

Fehlendes Puzzleteil und Projektion

Bindungsangepasste Menschen sprechen die Beziehungssprache der Abhängigkeit und Unabhängigkeit. Für sie ist ein sicher gebundener Mensch nicht das Puzzleteil, das in ihr Bindungsmuster passt.

Es kann sein, dass du dich auf einen sicher gebundenen Mann einlässt und bereits nach kurzer Zeit die Gefühle für ihn verlierst. Oder du verliebst dich gar nicht erst. Oft beschreiben Frauen es als fehlende Leidenschaft und finden Gründe, warum sie sich auf diesen Mann nicht einlassen.

„Er ist eher der Kumpeltyp. Ich mag ihn und weiß, er würde alles für mich tun. Gerade das macht mich nicht an. Im Gegenteil, das nervt mich, es fühlt sich so klebrig an“, wie eine Klientin von mir es ausdrückte.

Von allen drei Bindungsstilen projiziert der unsicher-ambivalente am meisten auf den Partner. Anteile, die er von sich nicht mag, sieht er im anderen und bekämpft sie da. Heißt, du siehst dich in Männern, die dich wollen. Ihr Werben um dich, erinnert dich an dein Verhalten unerreichbaren Männern gegenüber.

Ich erinnere mich noch gut an einen Mann, der um mich kämpfte. Er wollte mich und gerade das machte mich wahnsinnig. Ich hielt mich in Liebesaffären als viel zu bedürftig. Ich warf mir vor, mit meinem anhänglichen Verhalten die Männer zu vergraulen. Das projizierte ich auf den Mann, der mich wollte. Ich bekämpfte ihn und seine Beziehungswünsche. Als ich das erkannte, war es leider zu spät. Er hatte keine Kraft mehr, mir zu beteuern, wie sehr er mich liebte. Zu tief verletzte ich ihn, mit meinen Vorwürfen er sei unmännlich. Er war nicht mehr bereit, sich von mir demütigen zu lassen.

 

Das Unbewusste bewusst machen

Solange du das nicht erkennst, fühlt es sich für dich an, als sei der andere wirklich langweilig, unmännlich, bedürftig, anhänglich. Und du wirst ihn massiv ablehnen. Das fehlende Puzzleteil und der Hang zur Projektion machen es dir unmöglich, dich auf einen Mann einzulassen, der dich will.

Ein sicher gebundener Mann hat wenig Einfluss darauf. Er führt mit dir eine Beziehung, wenn du dir deines Bindungstyps bewusst wirst und bereit bist, es zu verändern. Solange du in ihm deine Mutter ablehnst und bekämpfst, hat er keine Chance bei dir. Bist du nicht bereit, das zu erkennen, lässt er dich früher oder später gehen. 

Nicht jeder Mann, der dich will, hat sichere Bindungserfahrungen. Ebenso kann ein Mann in dir seine Mutter sehen und seine Wut auf sie an dir ausleben. Da wird auch deine Liebe niemals reichen, solange er das nicht erkennt.

(vgl. Ruppert 2012: 56)

Merkmale frühkindlicher Bindungserfahrungen im Erwachsenenalter 

Damit du einen Mann besser einschätzen kannst, gebe ich dir eine Liste von Merkmalen, die auf Bindungsanpassungen hinweisen. Die Trauma Expertin Diane Poole Heller führt in ihrem Buch „Tief verbunden“ dazu diese Merkmale an:

Wenn ein Mensch unsicher-vermeidend gebunden ist…

  • ist es ihm unangenehm, wenn du deine Bedürfnisse ausdrückst. Er betrachtet sie als Problem und erkennt nicht, dass du dich ihm mitteilen möchtest.
  • glaubt er, seine Bedürfnisse am besten selbst stillen zu können.
  • denkt er, es ist nicht wichtig, was in ihm vorgeht.
  • tut er nach außen als ginge nichts in ihm vor.
  • spricht er gern über Zahlen, Daten Fakten.
  • wertet er traurige Gefühle oder Mitgefühl als Gefühlsduselei ab.
  • hast du das Gefühl, ihm die Wörter aus der Nase ziehen zu müssen.
  • wirkt er geheimnistuerisch oder verschlossen.
  • verhält er sich distanziert und wirft dir vor, zu emotional und anhänglich zu sein.
  • betont er, seinen Freiraum zu brauchen.
  • braucht er Abstand, nachdem es nah zwischen euch war.
  • verschwindet er immer wieder unangekündigt von der Bildfläche.
  • kannst du dich nicht darauf verlassen, ob er dir auf deine Nachrichten antwortet.
  • ist er dir gegenüber oft mürrisch, mäkelig, abweisend und negativ. Anderen gegenüber zeigt er sich aufgeschlossen.
  • idealisiert er frühere oder träumt von künftigen Partnern.
  • kommt er dir hinterher, wenn du dich nicht mehr meldest und will dich sehen.
  • vergleicht er seine Vorstellungen von Liebesbeziehungen mit deinen, um Gemeinsamkeiten zu finden. Doch seine Vorstellungen scheinen so unrealistisch, dass es schwierig ist, mit ihm auf einen Nenner zu kommen.
  • meidet er Konflikte. Wenn sie entstehen, fällt es ihm schwer, konstruktiv und lösungsorientiert mit ihnen umzugehen.
  • fällt es ihm schwer, dir seine Zuneigung zu zeigen. Er will sich nicht festlegen.
  • sendet er widersprüchliche Signale. Du weißt nicht, wo du dran bist bei ihm.

 

Wenn ein Mensch unsicher-ambivalent gebunden ist…

  • wirkt er unsicher und anhänglich. Er braucht deine Zusicherung, dass du stets für ihn da bist.
  • ist er eifersüchtig und sucht nach Beweisen, dass du ihn im Stich lässt. Er unterstellt dir Untreue, selbst wenn es dafür keinen Grund gibt
  • fällt es ihm schwer, dir zu vertrauen. Er möchte deine Gespräche mithören, deine Textnachrichten durchsehen oder deine Emails lesen. Er will dir beweisen, dass du an jemand anderem mehr interessiert bist.
  • ist er fixiert auf dich und zu wenig bei sich selbst. Unter Umständen vernachlässigt er sich und verlangt von dir, dass du ihn ständig umsorgst.
  • will er dich mit allen Mitteln an sich binden.
  • spielt er Spielchen, hat alles im Blick, manipuliert und provoziert dich.
  • stößt er dich weg, aus Angst von dir zurückgewiesen zu werden. Im nächsten Moment will er dir wieder nah sein.
  • erkennt er dein Engagement für die Beziehung nicht an.
  • reagiert er oft sehr emotional. Dabei wechselt er zwischen traurig, enttäuscht und wütend sein und inszeniert Dramen.
  • beklagt er sich oft und hält sich selbst so unter Dauerstress.
  • redet er übermäßig viel, will über alles reden und sucht so die Verbindung zu dir.
  • ist er nachtragend und kann frühere Verletzungen oder Konflikte in Beziehungen nicht auf sich beruhen zu lassen. Dadurch fällt es ihm schwer, Lösungen zu finden.

 

Wenn ein Mensch desorientiert gebunden ist…

  • zeigt er extreme, mit Angst vermischte Schwankungen im Verhalten, die für vermeidende und ambivalente Menschen aufgelistet sind. Beispielsweise geht er erst auf Abstand und will dann viel Nähe, Aufmerksamkeit und Bestätigung.
  • ist er oft in Abwehrhaltung und kann sich selbst nur schwer beruhigen.
  • wirkt er mitunter erstarrt, in Angst, isoliert und schreckhaft. Manchmal hat er Gedächtnislücken.
  • zeigt er starke Gefühlsreaktionen, die wie aus dem Nichts und scheinbar ohne Grund auftauchen.
  • wirkt er verwirrt, wenn er sehr aufgeregt oder getriggert ist. Es fällt ihm schwer, einfache Entscheidungen zu treffen.

Siehe diese Merkmale als eine Orientierungshilfe. Sie dienen nicht dazu, den anderen zu verurteilen. Auch nicht dich selbst, wenn du dich in den Merkmalen wiedererkennst. Erinnere dich, was jeder einzelne Bindungstyp in seiner frühen Kindheit erlebte. Diese Erfahrungen sind tief im Unterbewusstsein abgespeichert. Sie führen von dort aus im Leben des Bindungsangepassten unkontrolliert Regie. Das kann jeder Mensch mit Bindungsanpassung ändern. Es braucht, dass er sein “Drehbuch neu schreibt und Platz auf dem Regisseur Stuhl nimmt”.

 

Wie du dir deinen Wunsch nach einer Partnerschaft auf Augenhöhe erfüllen kannst

Lass dir Zeit mit dem Mann, der dich will. Du hast nichts zu verlieren. Vielmehr kannst du eine Menge über dich lernen, wenn du dich in das unbekannte Terrain der sicheren Bindung begibst. Sichere Bindungen leben von vielen Eigenschaften, die du dir von Herzen wünschst. Ich lese das jeden Tag von Frauen, die sich für meine Arbeit interessieren, wenn ich sie nach ihren Wünschen frage. Sie schreiben beispielsweise:

  • Glückliche Partnerschaft ohne Ängste, wo ich einfach nur ich selbst sein kann.
  • Ich möchte eine Beziehung mit einem Mann, für den ich das Ziel bin und kein Zwischenstopp.
  • Eine liebevolle, zugewandte Partnerschaft in der sich die Kommunikation und das Interesse füreinander die Waage hält.
  • Gleichberechtige Partnerschaft auf Augenhöhe, sich einfach gut verstehen, gern mit der Person zusammen sein und sich geborgen fühlen.

Das sind konkrete Merkmale von Paaren mit sicherer Bindung.

Wenn du dich in den Wünschen wiedererkennst, wisse: Was auch immer du in deiner Kindheit erlebtest, du bist in der Lage, diese sichere Bindung in dir zu aktivieren.

Dazu hat jeder der drei Bindungstypen einen anderen Zugang. So muss der unsicher-vermeidende Mensch üben, den anderen an sich heranzulassen und lernen, seine Gegenwart zu genießen. Für ihn steht an, seinen Sinn für Gemeinschaft zu wecken. Beim unsicher-ambivalenten Menschen geht es darum, sein Selbstgefühl zu stärken. Er muss sich darin zu üben, sich nicht mehr für den anderen aufzugeben. Für Menschen mit desorientiertem Bindungsstil ist es wichtig, sich in beide Richtungen zu entwickeln. Das heißt, sein Selbstgefühl entwickeln und sich für die Gemeinschaft zu öffnen.

(vgl. Poole Heller 2020: 162-163) 

Wie gehst du konkret vor?

Würdige deine Fähigkeit zur Anpassung

Die Suche nach Nähe zu einem anderen Menschen ist uns angeboren. (vgl. Bowlby. Bindung. 2006) Instinktiv suchen wir nach Nähe, Geborgenheit und Versorgt sein durch unsere Mutter. Wir sind in dem Vertrauen, dass dieses Bedürfnis sicher befriedigt wird. Erfüllt die Mutter unsere Bedürfnisse nicht oder nur unzureichend, haben wir die Fähigkeit, uns an diesen Umstand anzupassen. Die Anpassung sichert uns das Überleben. Diese Fähigkeit gilt es zu würdigen. Sie ermöglichte dir, mit deinen frühkindlichen Erfahrungen und Herausforderungen fertig zu werden.

Nimm Kontakt zu deinem Inneren Kind auf

Das Innere Kind ist ein Konzept aus den 1970er Jahren. Die Psychotherapeutinnen Erika J. Chopich und Margaret Paul entwickelten es. Es ist Sinnbild für unsere Glaubenssätze, Emotionen und Erfahrungen aus der Kindheit. Wenn du dir ein kleines Mädchen in dir vorstellst, ist es leichter, Bindungserfahrungen zu korrigieren. Diesem kleinen Mädchen wendest du dich als liebevoller Erwachsener zu. Du begegnest ihm als die feinfühlige Mutter, die es damals gebraucht hätte, um deine Fähigkeit zur sicheren Bindung auszubauen.

Dazu ist es nicht nötig, dich an Einzelheiten zu erinnern. Das ist auch gar nicht möglich, dich an die Zeit als Baby zu erinnern. Vielmehr geht es darum, neue wohltuende Bindungserfahrungen zu machen. Die sind möglich, ohne dass du in einer Liebesbeziehung mit einem Mann bist. Du brauchst also nicht zwingend einen sicher gebundenen Partner, um deine angeborene Fähigkeit wiederzuerlangen. Du brauchst viel dringender die Hinwendung zu dir selbst. Das gilt für alle drei Bindungsstile gleichermaßen. Alle drei brauchen einen gestärkten liebevollen Inneren Erwachsenen, um das verletzte Innere Kind zu heilen. So gewinnen sie das Vertrauen in sich, in andere und das Leben zurück.

 

Die vier Anteile in dir

Wie du neue Bindungserfahrungen machst

Bei Menschen mit angepasster Bindung ist vorrangig der lieblose Innere Erwachsene mit dem verletzten Inneren Kind in Kontakt. Du spürst beispielsweise starken Kummer und Schmerz (verletztes Inneres Kind), weil der Mann dich nicht will. Gleichzeitig machst du dir Vorwürfe (liebloser Innerer Erwachsener), dass du ihn nicht loslassen kannst. Damit hältst du die kindliche Bindungsbeziehung an deine Mutter aufrecht. Deswegen kannst du nicht loslassen; deshalb triffst du immer den gleichen Typ Mann.

Bringst du den liebevollen Inneren Erwachsenen mit dem verletzten Inneren Kind in Kontakt, machst du neue Bindungserfahrungen. Du gibst dem verletzen Inneren Kind das, was eine sichere Bindung ausmacht:

  • Liebe
  • Güte
  • Mitgefühl
  • Sicherheit
  • Geborgenheit
  • Vertrauen

Wenn du die liebevolle Beziehung zu deinem verletzten Inneren Kind pflegst, erweckt das heile Innere Kind in dir. Und das verletze Innere Kind ist sich des Schutzes der guten Mutter in dir sicher. Eine Folge ist, dass du deinen Wert spürst und dass Geliebt werden dein Geburtsrecht ist. Dadurch gewinnst du Selbstvertrauen und bist nicht mehr bereit, dich in Nähe Distanz Beziehungen emotional zu verausgaben.

Vielmehr willst du einen Mann treffen, mit dem du

  • gegenseitige Wertschätzung
  • wohltuende Zweisamkeit
  • Zeit mir dir allein
  • Entspannung und Humor
  • Vergnügen und Leichtigkeit

erlebst. Einen Mann, der mühelos eine Bindung mit dir eingeht. Ein Mann, der bereit ist, dir und der Beziehung zu geben, was er hat. Sprich einen Mann, der zu sicherer Bindung fähig ist.

Schau dich um unter den Männern, die dich wollen. Möglich, dass er bereits dabei ist. Und falls nicht, wirst du ihn bald wahrnehmen. Vorausgesetzt, du pflegst die Beziehung zwischen deinem liebevollen Innerem Erwachsenen und verletzen Inneren Kind konsequent. Wenn du wissen möchtest, wie du das machst, lass uns in einer Gratis-Beratung darüber sprechen. Viele meiner Kundinnen fingen so an, die liebevolle Beziehung zu sich selbst aufzubauen.

Wie auch Tanja, die sich in der Gratis-Beratung den unerreichbaren Männern noch ausgeliefert fühlte. Ich half ihr mit meinem Coaching ihre Selbstliebe zu stärken und sie schrieb später in die Coaching Gruppe: „Was dann passiert ist… war magisch…. ich bin vollkommen ruhig geblieben und habe einfach so festgestellt ich bin WERT. Ich möchte nicht mehr für einen anderen Menschen ein Anker sein, wenn er sich nicht zu 100% zu mir bekennt!!! Das teilte sie dem betreffenden Mann unmissverständlich mit und er begegnete ihr mit Wertschätzung.

Auch für dich ist das möglich. Melde dich bei mir, wenn du wissen willst, wie du eine liebevolle Beziehung zu dir aufbaust. Bis dahin wünsche ich mir, dass dir mein Artikel hilft, dich und die Männer besser zu verstehen.

Herzlichst

Deine Jivana

 

8 Kommentare

  1. Herzensdank! So wertvoll leichtverstaendlicher Text. Oefter werde ich ihn lesen, um zu verinnerlichen. Gleichzeitig meine innere Kind Arbeit fortfuehren. Die resonierenden Maenner sind mittlerweile anders gestrickt. Daher noch! uninteressanter. Auch ertappe ich mich noch, von dem alten Muster angezogen zu werden und steuere gegen! Gar nicht so einfach!!!!! Liebe Gruesse

    Antworten
    • Vielen Dank.

      Antworten
      • Sehr gerne, liebe Aleks!

    • Ganz herzlichen Dank dafür.

      Antworten
      • Sehr gerne, liebe Simone!

    • Vielen Dank, liebe Tone, für deine Rückmeldung. Ja, das ist unser aller Herausforderung, zu erkennen, wann wir uns in Mustern bewegen, die uns nicht guttun. Toll, dass du da so bewusst mit umgehst. That´s the way! 🙂

      Liebe Grüße
      Jivana

      Antworten
  2. Vielen Dank für deine Texte, die Hilfe, den Zuspruch, liebe Jivana. Ich mag deine authentische Art zu inspirieren, informieren, inspizieren. 🙂

    Ich glaube, dass ich zu dem desorientierten Bindungstyp zähle… einmal weil es (noch) schwerfällt mich in Gemeinschaft wohlzufühlen bzw. gut aufgehoben zu sein… was auch daran liegen kann, dass das eigene Aktivsein und Neugierigsein (noch) wie unterdrückt ist.. und andererseits muss und möchte ich (noch) am Selbstgefühl, Selbstwert und -sicherheit arbeiten, den Zugang zu den echten Gefühlen freischaufeln, also auch Schluss machen mit den nervigen Projektionen..

    Heute beim Einkaufen war die Situation so (befreit) wie ich sie immer haben möchte. Ich scherzte mit der Kassiererin und sie hielt die Mäuse an der Kasse für meine, aber ich widersprach und ging einfach weiter. Für einen kurzen Moment war ich traurig. Aber das war schön. Ich ließ los. 🙂

    Antworten
    • Vielen Dank für deinen Kommentar und deine wertschätzende Worte, du Liebe. 🙂

      Das freut mich, dass du diese Erfahrung machen durftest. So geht es Schritt für Schritt weiter.

      Liebe Grüße
      Jivana

      Antworten

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